Ich kann mich noch gut an die frühe Nachkriegszeit erinnern. Erst waren mein Vater und Opa als Widerstandskämpfer die großen Helden, die früh die Nazi-Gefahr erkannt hatten. Aber mit Beginn des Kalten Krieges waren sie dann für die bürgerlich Konservativen die Kommunisten, die man links liegen ließ oder beschimpfte. Es waren oft die gleichen Personen, die 1945/46 um positive Aussagen gebeten hatten für ihren ‚Persilschein‘. In dieser Atmosphäre war es für mich als Jugendlicher schwer, über unsere Familiengeschichte zu sprechen. Andererseits ist mein Vater auch für seine Hilfe an jüdischen Mitbürgern – oft wurden ihnen in seinem Schuhmacherladen Lebensmittel zugesteckt – mehrfach geehrt worden. Ich war schon stolz drauf, dass z.B. Ida Ehre oder andere prominente Nazi-Gegner nach dem Krieg bei uns Kunden waren.

Wie lebst du heute mit deiner Familiengeschichte?

Sie bestimmt immer wieder mein Denken und Handeln und holt mich ein. Jüngstes Beispiel ist die unselige Auseinandersetzung mit dem Sohn des Arztes im KZ Fuhlsbüttel, Dr. Ulrich Schnappauf. Der hat den Totschlag an meinem Onkel Alwin damals als „Selbstmord durch Strangulation“ dokumentiert. Diese Begründung habe ich in den Todeslisten von Fuhlsbüttel auffallend oft gelesen. Wir kennen diese Verschleierungen der wahren Todesursachen ja aus sehr vielen Todeslisten anderer Konzentrationslager.

In Seminaren aber auch auf dem Forum „Zukunft der Erinnerung“ gibt die KZ- Gedenkstätte Neuengamme den Nachkommen von Opfern und Tätern die Möglichkeit, in einen Dialog einzutreten. Wie erlebst du diese Arbeit?

Als sehr große Bereicherung. Und ich bewundere den Mut der Menschen – so wie Barbara Brix – die sich mit der Täterschaft ihrer Väter auch öffentlich auseinandersetzen. Für mich aus einer ‚Opferfamilie’ ist es ja viel einfacher, darüber zu sprechen.

 

Das Interview mit Bernhard Esser erschien in freundeskreis aktuell Nr. 25/Oktober 2015.