Karl Otto Watzinger, geboren 1913, wächst in Tübingen auf. Mit 20 Jahren entscheidet er sich nach Berlin zu gehen, raus aus dem „Professoren-Nest“. Der junge Karl studiert in Berlin Jura und hält Kontakt zum Arbeitermilieu, engagiert sich dafür, dass auch sie Bildung bekommen. Während er noch ohne eine parteipolitische Bindung nach Berlin kam, ändert sich das in dieser Zeit: Er sympathisierte mit der Sozialistischen Arbeiter Partei (SAP), die bereits ab den 1933 von den Nationalsozialisten verboten wurde. Ab 1938 besucht er regelmäßig Exilanten in der Schweiz und bespricht mit ihnen die innenpolitische Lage. Im Jahr 1939 wird er wegen des Verdachts des Wiederaufbaus von SAP-Strukturen – im nationalsozialistischen Deutschland Hochverrat – zunächst zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt und kommt anschließend, ohne ein weiteres rechtliches Verfahren, drei Jahre ins KZ Dachau. Nach dem Krieg holt er sein Referendariat nach, das er vorher abgebrochen hatte, denn für ihn stand damals fest: „Im Unrechtsstaat kann ich kein Recht sprechen“. Wir sprachen mit Jörg Watzinger über seinen Vater, ihre Beziehung und was ihm als Nachkomme in der Auseinandersetzung mit seinem Vater und dessen Erfahrungen geholfen hat.

Wann und wie hast du von der Vergangenheit deines Vaters erfahren?
Das war eigentlich eher Zufall. Mein Vater wurde, bevor er als Bürgermeister vom Gemeinderat wiedergewählt werden sollte, verleumdet. In einer Wochenzeitung in Mannheim stand in einem Artikel „ehemaliger SS-Mann an der Spitze der Stadtverwaltung“. Es war ein Körnchen Wahrheit dran, weil er sich nämlich vom KZ Dachau für die SS Strafdivision Dirlewanger gemeldet hatte. Es waren damals alle deutschen politischen Häftlinge dafür „angefragt“ worden, es war auch nicht klar, was eben passiert, wenn sie dies ablehnen. Und er hat auch zugestimmt, weil er Angst hatte, dass das KZ Dachau vor Kriegsende von den Nazis liquidiert wird. Und er hat sich einen für viele tödlichen „Typhus-Winter“ im KZ Dachau erspart. Er kam dann an die Ostfront zum Einsatz und was ich bisher weiß, sind fast alle 200 (Häftlinge) erfolgreich übergelaufen. Aber sie hatten alle SS-Uniformen an, was natürlich bedeutete, wenn man in Kriegsgefangenschaft kam, dass man davon ausging, das sind die Allerschlimmsten gewesen und man hat entweder kein Interesse gehabt oder ihnen nicht geglaubt, dass hier Systemgegner waren, zum Teil auch Linke. Das war für meinen Vater auch schwer, das hat ihn doch sehr enttäuscht. Er hatte aber Glück, er wurde nach einem halben Jahr aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, weil er körperlich derart runter war, dass er sonst gestorben wäre. Da hat er Glück gehabt, dass die Lagerärztin eine menschliche Seite hatte.
Hat dein Vater über die Haft und seine Erfahrungen gesprochen?
Als ich es erfahren habe, da war ich so 15 oder 16, da waren die die Mopeds, die Mädchen und und die Partys das Hauptthema. Da hat mich das auch nicht weiter interessiert. Mein Vater hat es uns auch nicht aufgedrängt, er war da eher sehr zurückhaltend. Er war da auf SPD-Linie, die SPD-Politiker haben das alle nicht vor sich hergetragen, dass sie Verfolgte waren. Sie wollten auch von denen gewählt werden, die damals NSDAP unterstützt haben oder da aktiv dabei waren. Insofern war er da eher zurückhaltend. Wir drei Geschwister haben ihn eher, das war Ende der 1970er Jahre, als die Fernsehserie über die Familie Weiss in Berlin über die jüdische Verfolgung ins Fernsehen kam, in dem Zusammenhang haben wir Kinder noch einmal versucht, meinen Vater ins Gespräch zu bringen. Dass wir ein bisschen die Idee haben, was ist da was passiert, wie war das, aber er blieb immer sehr einsilbig. Er hat da nicht viel drüber gesprochen. Er hat mal etwas schriftlich zusammengefasst, was aber auch eher darauf hinauslief, dass es ihm eben viel besser ging als allen anderen, vor allem den rassistisch Verfolgten da hat er Polen, Russen auch dazu gezählt, Slaven in dem Sinn, und Juden natürlich auch. Dass die viel, viel schlechter behandelt wurden, dass da diese “Herrenrassen-Ideologie“ voll durchgeschlagen hat. Das war für ihn, denke ich, außer der eigenen Gefährdung des Lebens und des Weggesperrt-Werdens, war das wahrscheinlich auch das Schlimmste für ihn in der KZ-Erfahrung. Dass er zuschauen musste, Zeuge sein musste von der für ihn völlig fremden Abwertung und Menschenbehandlung. Ich denke, das ist ihm sein Leben lang nachgegangen.
Kannst du dich an ein Gespräch erinnern, in dem du ihn darauf angesprochen hast?
Er hat es ja nicht verschwiegen, aber es kamen eher so Sätze wie: „Ich habe erlebt, was es heißt, völlig rechtlos zu sein“. Und ich muss sagen, nachdem was ich jetzt nach 10 Jahren ernsthafter Beschäftigung mit der Nazizeit und seinem Schicksal weiß, ist es genau das. Wenn man einen Satz sagen will, ist das richtig ausgedrückt. Nur hatte ich überhaupt keine Idee, wie der „Alltag“ war, was das Schmerzhafte war, was er vielleicht auch mitgenommen hat, was ich auch geerbt hab. Da gab es überhaupt kein Gespräch. Da kam er nicht ins Reden. Ich hatte Glück, dass ein Freund von ihm, den er im im KZ kennengelernt hatte, was eine lebenslange Freundschaft war, der in Südtirol als Demokrat aktiv war und deswegen ins KZ Dachau kam, aber erst im Jahr 1944, dass der in seiner Biografie 20 Seiten über das KZ Dachau geschrieben hat, und der hat das viel anschaulicher geschrieben. Aber von dessen Tochter weiß ich auch, dass sie stinksauer war, dass er in dem Buch 20 Seiten geschrieben hat, aber ihr gegenüber etwa ähnlich wenig gesprochen hat wie mein Vater.
Ich glaube, dass es nach 1945 keine therapeutische Unterstützung gab für Menschen, die richtig schlimme Sachen erlebt haben. Viele waren dann nicht mehr lebensfähig, in dem Sinne, dass sie ihr Geschäft, das sie früher einmal betrieben haben, nicht mehr weiter betreiben konnten. Er hat es immerhin geschafft sein Lebensziel, sich politisch zu engagieren, auch natürlich nach der NS-Erfahrung mit dem Ziel, dass so etwas eben nicht mehr passieren können, auch einen rechtlichen Rahmen zu setzen, dass sowas nicht mehr passieren kann. Aber es gab eben keinen Rahmen, öffentlich oder privat, in dem er auch das Schmerzhafte doch mal sich angucken konnte und da drüber wegzukommen. Es gab eigentlich mehr die Möglichkeit das weg zusperren, so hatte ich bei meinem Vater immer die Fantasie, das war wie so einen Deckel drauf machen und den zuzuhalten. Das Schmerzhafte, worüber man dann vielleicht auch keine Kontrolle hat in dem Moment, wo es hochkommt, das lieber weg zu sperren, so war mein Eindruck bei ihm. Das hat er auch bis er fast 93 wurde so durchgehalten.

Wie würdest du euer Verhältnis beschreiben?
Also rückblickend hatten wir alle 3 Kinder eine ähnliche Wahrnehmung, dass mein Vater wohlwollend und interessiert an uns war, dass er aber den direkten Kontakt eher gescheut hat und das meiner Mutter alles überlassen hat. Also er war wohlwollend und es gab natürlich auch mal Auseinandersetzungen und wenn es zu viel war, ist er auch mal wütend geworden oder hat mal draufgeschlagen, aber der Grundsatz war wohlwollende Anteilnahme. Aber jemanden in den Arm zu nehmen oder mit dem mal einen Ausflug zu machen, das war eher nicht sein Ding. Er war doch sehr mit seiner Arbeit beschäftigt, sowohl die öffentliche Aufgabe als leitender Beamter, er hatte 10000 Angestellte in der Stadt Mannheim als Personalchef unter sich und sein privates Engagement, er war ja lang Vorsitzender der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Mannheim. Er hat viel geforscht über die jüdischen Familien in Mannheim und ihm war es wichtig zu zeigen, was da Gutes auch entstanden ist vor der Zeit, vor 1933. Also nicht nur, was Schlimmes passiert ist, sondern auch zu zeigen, was wir verloren haben. Da hat er doch viel Zeit am Schreibtisch verbracht. Wo andere Väter vielleicht Freizeit haben und sich einen Spaß machen, mit den Kindern rumzutoben, das war nicht so.
Also hat die Beschäftigung mit der Vergangenheit bei ihm viel Raum eingenommen?
Ja, meine Interpretation ist, dass er so eine Art Überlebendenschuld gespürt hat und sich noch verantwortlich gefühlt hat für die Toten. Und, dass das eben ein Impuls für diese ganze Arbeit war, für die Toten etwas zu tun. Dass die nicht nur getötet wurden und dann vergessen würden, sondern, dass man das in der Erinnerung behält. Und eben auch, dass man die jüdischen Gemeinden wieder aufbaut, da hat er immer wieder aktiv teilgenommen. In der Traueranzeige der jüdischen Gemeinde (zum Tod des Vaters) stand dann auch „wir haben einen verlässlichen Freund verloren“. Das war in der 1960er Jahren, nach allem, was passiert ist, nicht selbstverständlich.
Was denkst du, welche Folgen hatten die Erlebnisse deines Vaters auf dich als Nachkomme?
Ja, ich denke es hängt mit dieser Erfahrung meines Vaters zusammen, dass er 3 Jahre Zeuge sein musste, ohne eingreifen zu können, ohne schützen zu können, wie andere Gefangene misshandelt wurden. Und das hinterlässt Spuren, wo dann diese Klarheit verloren geht, wer ist hier der Täter? Weil der, der nichts macht, ist ja auch auf eine Art mitschuldig. Und ich glaub, dass das mein Vater mir vererbt hat, dass ich immer das Gefühl hatte, ich bin schuldig. Auch wenn bei der Arbeit mal etwas schief ging, dass ich mich immer mitverantwortlich gefühlt hab, dass das in Ordnung kommt, auch wenn es gar nicht im engeren Sinne in meinem Ressort war. Da hab ich durch eine sehr gute therapeutische Arbeit, wo ich sozusagen in Vertretung von meinem Vater in diese traumatischen Szenen nochmal zurückgehen konnte, was schmerzhaft war, aber was dann was gelöst hat. Wo wieder klar war, die (Nazis) waren die Schweine, ich (der Vater) war auf der Seite der Guten.
Ich denke, das war ein unbewusstes Vererben. Ich wusste es auch nicht, bis ich die Sitzung gemacht hab, das dann also klar, auch die Todesgefahren, man wusste nie was jetzt grad, ob er SS-Mann schlecht drauf ist, ob er will, dass man ihn anguckt beim Grüßen, ob er will, dass man auf den Boden guckt beim Grüßen und so weiter. Das war alles, man war völlig rechtlos. Wenn die schlechte Laune hatten, konnten die einen todprügeln oder was auch immer. Das war natürlich auch da, klar. Aber ich glaube das Schlimmere oder was ihn länger beschäftigt hat, war dieses Zeuge sein müssen und nichts machen können. Und deswegen auch sein Engagement, weil er sich doch irgendwie mitverantwortlich gefühlt hat. Und das ist eine verdrehte Welt, die Täter haben ja weitgehend Schuldabwehr erfolgreich betrieben und dass man ja eigentlich selber auch Verfolgter, Opfer dieser Politik ist, sich dann aber verantwortlich fühlt, das ist eine verdrehte Welt, aber so funktionierte es. Eine Psychologin hat mir das mal zu erklärt, dass diese Überlebendenschuld eine Möglichkeit ist für die Seele, von dieser Ohnmacht weg zu kommen, sich selber handlungsfähig zu fühlen, dass man noch was für den Toten macht.

© Jörg Watzinger
Was denkst du, wie dich dein Vater geprägt hat?
Also mein Vater hatte eine sehr hohe Arbeitsmoral, nenne ich es mal, Pflichtbewusstsein, das hat sicher auch ein Stück weit einen evangelischen Hintergrund. Und das kam natürlich auch mit der ganzen Industrialisierung und natürlich noch mehr in der schwarzen Pädagogik, in der Nazi-Zeit wurde das nochmal getoppt. Es war ja eigentlich die einzige erlaubte Pädagogik, nämlich einem zu sagen, du bist gar nichts wert, aber wir wollen, dass du die Pflicht erfüllst. Das haben die Nazis nochmal eine Spitze weitergetrieben, als es im Bürgerlichen schon da war. Und mein Vater hat da überhaupt kein Verständnis gehabt, als ich mich nach dem Abitur erstmal mit dem Meditieren beschäftigt habe. Ich fand den Ausläufer der 68er Bewegung, die Hippies, fand ich immer attraktiv, sich eine gute Zeit machen, im Park sitzen, was rauchen oder was trinken, Gitarre spielen, das fand ich gut. Ich hatte kein Bock mir große Ziele zu stecken. Mein Vater hatte da gar kein Verständnis dafür. Er hat mich zwar gelassen, er hatte ja auch eine liberale Seite, er war nicht so ein autoritäres Arschloch und dachte, er muss mich zu irgendwas zwingen, das war er nicht. Aber das war ihm fremd, dass jemand einfach rumhängen und meditieren will. Das war sicher nicht einfach für ihn und für meine Mutter wahrscheinlich auch nicht, sie hätte sich auch gewünscht, ich wäre Ingenieur oder Rechtsanwalt geworden. Das war eher ihre Umgebung. Also insofern postuliere ich immer das Gemütlichmachen, aber ich übernehme auch gerne Aufgaben. Nur rumhängen wäre auch nicht mein Ding, aber beide Seiten zuzulassen, das gabs in der Welt meines Vaters nicht. Da war das Leben des Mannes berufliche Pflichterfüllung, wobei das bei ihm auch teilweise eine Herzensangelegenheit war, das Engagement für die jüdische Geschichte in Mannheim, worüber er auch zwei Bücher geschrieben hat. Da hat er selbst in Archiven in der Stadt Mannheim und im Landesarchiv in Karsruhe dazu geforscht.
Wie bist du zu deinen Forschungen über deine Familiengeschichte gekommen und wie würdest du deine „Ergebnisse“ so zusammenfassen?
Also so einen konkreten Anlass kann ich gar nicht nennen. Das kam einfach immer stärker als Frage: „Was ist hinter dieser grauen Wand auf der steht 3 Jahre KZ Dachau„? Ich hatte einfach keine anschauliche Idee, was hat er denn da gemacht und erlebt. Irgendwann ging es nicht anders, dann musste ich in die KZ-Gedenkstätte Dachau gehen und das war schon beeindruckend. Und dann war ich beim Therapeuten, der zufällig seine Praxis auch in Dachau hat, der hat mir dann empfohlen, ich soll mich doch auch ein bisschen geschichtlich mit der Zeit beschäftigen, dass ich eben die private Geschichte und die Verfolgunsgeschichte in einen Zusammenhang bringen kann. Das hab ich auch gemacht. Da gab es auch eine Phase, mindestens 2 Jahre, wo ich in jedem Bücherregal ein Buch, das mit der Nazizeit zu tun hatte, gesehen habe. Überall hier lief grad ein Film, im Fernsehen oder im Kino. Also, das war fast ein bisschen unheimlich, dass dieses Thema aus allen Wänden mich richtig angeguckt hat. Und in der Zeit hab ich dann auch viele Nachkommen-Kontakte gefunden, das war für mich sehr hilfreich. In der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, in München wurde grad eine neue Nachkommen-Gruppe gegründet, ich hab dann selber eine in Mannheim gegründet, in Köln war ich auch mal. Also das war sehr hilfreich für mich mit anderen über ihre Lebensläufe, ihre Beziehungen zu ihren Eltern, Großeltern, mit denen Austausch zu haben. Das war sehr wichtig. Und Ergebnisse, ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll. Ein Ergebnis ist, dass wir hier in Mannheim weiterhin vierteljährlich ein Treffen haben, wo Nachkommen von NS-Verfolgten, egal welcher Verfolgungshintergrund, sich treffen, sich austauschen, über ihre Geschichte reden, zum Teil auch reden lernen, das war auch für mich ganz wichtig, dass ich einfach unbefangen darüber reden konnte. Dass das ein Teil meiner Geschichte ist, den ich so sehen konnte, wie sie war und nicht mehr so ein Gefühl, ohje da war was Schlimmes, aber ich weiß gar nicht was. Ich bin eher der Typ, der das dann wissen will, was ist denn da?
