Der folgende Text ist ein Auszug aus dem Artikel „Sie haben sich nicht entschuldigt, nicht gut genug!“1 Entschädigungszahlungen: Die emotionale und die gesetzliche Chronologie einer Antragstellung – aus Sicht der Nachkommen von Prof. Nicole L. Immler und ist hier in voller Länge zu lesen.
Folgen wir dem Entschädigungsverfahren, können wir die Verwirrungen nachvollziehen, die das Prozedere verursacht, wenn Informationen nur partiell verfügbar oder sogar widersprüchlich sind, was unvermeidlich neue Fragen hervorruft. Wie oft hat Katarina angerufen oder Briefe geschickt, um zusätzliche Informationen zu bekommen? Ihr intensives, fast zwanghaftes Interesse – das bei vielen Mitgliedern der zweiten Generation zu finden ist (Immler 2009) – erweckt leicht den Eindruck einer aggressiv fordernden und enervierenden Person, während man im Interview vielmehr einer Person begegnet, die vor allem um Informationen bittet. Auch von dem Interview erwartete sie sich in erster Linie Informationen, wie sie selbst in den ersten Sätzen unseres Gesprächs ihre Erwartungen deutlich dar legt. Was von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des EF oft als Ausdruck von wütender Kritik oder als ein forciertes Interesse am Geld erfahren wird,2 ist auch eine Strategie, um zusätzliche Informationen zu bekommen, und ein Weg, sich in das Verfahren einzubringen, und die Person hinter dem Antrag sichtbar werden zu lassen. Doch hatte jene Strategie Erfolg?
Katarina ist es am Ende gelungen, zusätzliche Informationen und sogar eine revidierte Entscheidung zu erhalten. Trotzdem erwähnt sie immer wieder, dass ihre Familie damals wie heute ungerecht behandelt worden sei. Wie ihre Cousins wählt sie die Rhetorik, Österreich als Kollektiv zu tadeln („Sie sind davon gekommen“, „Sie haben sich nicht entschuldigt“, „Sie haben verzögert“ usw.). Sehen wir hier die Grenzen eines gesetzlichen und bürokratischen Verfahrens, vergangene Enttäuschungen aus dem Gedächtnis zu löschen, oder sehen wir hier die Grenzen von Versöhnung an sich? Hat Österreich mit einer individuellen Anerkennung von materiellen Verlusten vielleicht zu viel versprochen? Kreieren individuelle Entschädigungszahlungen die Illusion, vollständiges Wissen und auch eine angemessene Entschädigung liefern zu können, und sind deshalb die Ergebnisse umso unbefriedigender? Sehen wir hier die unzulängliche Natur von Entschädigungszahlungen, oder hat diese Unzufriedenheit der ‚angrysecond generation‘, wie ich sie in Bezug auf die Entschädigungszahlungen nennen möchte, möglicherweise mehr mit der Natur des Familiengedächtnisses zu tun?
In den Gesprächen wurde sichtbar, dass Mitglieder der zweiten Generation häufig von der Unzufriedenheit ihrer Eltern über die Entschädigungen überzeugt sind (auch wenn dies nie direkt thematisiert worden war) und deren (imaginierte) Gefühle bezüglich der Unzulänglichkeit der Verfahren oft einfach wiederholen. Dabei wäre zu fragen, ob hier nicht auch eine spezifische Dynamik sichtbar wird zwischen Familiengedächtnis und Entschädigungspraxis, nämlich dass die zwischengenerationellen Beziehungen es nicht erlauben, jene Maßnahmen (welche auch immer), gut zu heißen. Vielleicht können wir diese ausgesprochene Unzufriedenheit mit Marianne Hirsch als familial trope bezeichnen, als eine spezifische semantische bzw. rhetorische Figur einer Holocaust-Repräsentation in der post-memory generation. Wie Hirsch betont, ist es gerade diese Generation, die keine persönlichen Erinnerungen hat, „[which] needs precisely such familiar and familial tropes to rely on“ (Hirsch 2008, 124 f.). Jene familial tropes entstehen aus einer Überlappung von öffentlichen Bildern und privaten „Sie haben sich nicht entschuldigt, nicht gut genug!“ Erzählungen und bilden gewissermaßen living connections (104) zwischen Vergangenheit und Gegenwart sowie zwischen den Generationen. Aus dieser Perspektive gesehen bezieht sich das hier gezeigte generationenübergreifende ‚Narrativ der Unzufriedenheit‘ im Entschädigungsdiskurs möglicherweise weniger auf die (hart verhandelten) Fakten, sondern darauf, die Verbindung zwischen den Generationen zu verstärken. Eine kritische Einstellung zur Entschädigung könnte ein maßgebliches Element in der Herausbildung eines Familiengedächtnisses an den Holocaust sein. Sich dieser spezifischen Dynamik des Familiengedächtnisses bewusster zu sein und der Macht der Phantasie könnte helfen, die verschiedenen Erwartungen und Hoffnungen, die an Entschädigungsmaßnahmen geknüpft sind, besser zu verstehen – ebenso wie die Enttäuschungen.
Erschienen In: BIOS, Zeitschrift für Biographieforschung, Oral History und Lebenslaufanalysen, 1, 53–77, 2011.
- Katharina E. in einem Interview mit der Autorin, Wien 2008. Die Namen meiner Interviewpartnerinnen und -partner sind anonymisiert, um ihre Privatsphäre zu schützen. Die Interviews sind Teil einer größe-ren Studie Das Nachleben von Restitution (unterstützt vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung/bmwf, dem Zukunftsfonds und dem Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus), die derzeit etwa 60 generationenübergreifende Interviews umfasst, durchgeführt von der Autorin in Österreich, den Niederlanden und England (2007-2009). Dieser Artikel erscheint auch auf Englisch in Levin/Lenz/Seeberg 2011. ↩︎
- Vgl. Interviews der Autorin mit zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Allgemeinen
Entschädigungsfonds in den Jahren 2008/2009. ↩︎
Literatur
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Weitere Texte von Prof. Nicole L. Immler zu diesem Thema sind hier zu finden.

