Hinter jeder Lagernummer stand eine Person: jemand mit einem Namen, einem Gesicht, einer Familie und einer Geschichte. Seit 2020 macht das Denkmal Ort der Verbundenheit diese persönlichen Geschichten wieder sichtbar. Es gibt sowohl den Opfern als auch den Überlebenden des Konzentrationslagers Neuengamme einen bleibenden Platz im öffentlichen Gedächtnis.
Mein Name ist Karin van Steeg und ich lebe in den Niederlanden. Ich wurde gebeten einen Artikel über den Ort der Verbundenheit zu schreiben, eine Bitte, der ich sehr gerne nachkomme. Als Familienmitglied von vierzehn Menschen, die im KZ Neuengamme und seinen Außenlagern inhaftiert waren, liegt mir dieses Denkmal besonders am Herzen.
Nachdem ich selbst ein Plakat für die Opfer meiner eigenen Familie entworfen hatte, begann ich, auch anderen Angehörigen ehemaliger Häftlinge von dieser Möglichkeit zu berichten. Als Vorstandsmitglied der StichtingVriendenkring Neuengamme in den Niederlanden ist der Ort der Verbundenheit seit mehreren Jahren Teil meiner Arbeit. In dieser Zeit, aber auch schon davor, konnte ich viele Angehörige bei der Gestaltung eines Plakats unterstützen. So wurde ich Teil der Arbeitsgruppe Ort der Verbundenheit in Neuengamme.

Bei Gedenkfeiern, auf Denkmälern und an Gedenkstätten erhalten die Opfer einen Platz im kollektiven Gedächtnis. Die Erwähnung ihrer Namen unterstreicht, dass ihr Leiden nicht vergessen werden darf. Auch für die Familien von Überlebenden ist eine solche Sichtbarkeit wichtig. Nicht alle, die ins Konzentrationslager Neuengamme oder eines seiner Außenlager deportiert wurden, starben dort. Dennoch blieben die Namen der zurückgekehrten Gefangenen in diesen aufgeladenen Orten lange Zeit unsichtbar, obwohl sie oft ihr ganzes Leben lang mit den Folgen der Haft zu kämpfen hatten.
Der Ort der Verbundenheit entstand aus diesem Bedürfnis nach Sichtbarkeit und Anerkennung. Dieses internationale Denkmal auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Neuengamme bietet Angehörigen die Möglichkeit, ihre im KZ verstorbenen oder von dort zurückgekehrten Verwandten vorzustellen.
Persönliche Poster als Tribut
Der Fokus des Ortes der Verbundenheit liegt auf persönlichen Gedenkplakaten. Familienmitglieder ehemaliger Gefangener des KZ Neuengamme und seiner Außenlager können ein Plakat in ihrer eigenen Sprache entwerfen. Fotos, Dokumente, Briefe und persönliche Informationen bilden zusammen die Geschichte eines Opfers oder Überlebenden. So erhalten Menschen, die in den Lagern auf Zahlen reduziert wurden, wieder einen Namen, ein Gesicht und einen Platz im Gedächtnis.
Indem Opfer konkret als Menschen vorgestellt werden, werden sie aus der Anonymität herausgenommen. Die Plakate zeigen, dass sie nicht nur Opfer eines unmenschlichen Regimes waren, sondern auch geliebte Menschen mit ihrer eigenen Geschichte, Familie, Träumen und Bedeutung. Familienmitglieder stellen ihre Bindung zum Opfer oder Überlebenden auf ihre ganz persönliche Weise dar.
Für Angehörige kann das Entwerfen eines Plakats auch eine persönliche Suche sein. Wer sein Familienmitglied nie kennenlernen konnte, erhält die Möglichkeit, durch Fotos, Dokumente und Geschichten in dessen Leben einzutauchen.
Ein Poster zu erstellen, geht daher viel weiter als nur die Entwicklung eines Designs. Darin steckt Gefühl, Liebe und Erinnerung. Persönliche Geschichten werden angeschaut, vorgestellt und an nachfolgende Generationen weitergegeben.
Ein lebendiges und wachsendes Denkmal
Der Ort der Verbundenheit ist ein lebendiges, internationales Denkmal. Aus den Plakatdesigns werden Acryldruckplatten hergestellt. Diese werden vor Ort ausgestellt und können zum Drucken von Plakaten verwendet werden. Jährlich im Mai werden in Neuengamme neue Poster auf einem internationalen Treffen präsentiert, bei dem Familienmitglieder aus verschiedenen Ländern zusammenkommen.
Während dieses Treffens können neue und bereits bestehende Poster gemeinsam plakatiert werden. Es besteht auch die Möglichkeit, selbst ein Poster zu drucken und mit nach Hause zu nehmen. Ich nehme auch sehr gern Plakaten zu Gedenkfeiern im In- und Ausland, bei Besuchen von Außenlager-Gedenkstätten und zu anderen Zusammenkünften mit. So breitet sich das Projekt immer weiter aus. Immer mehr Menschen werden auf die Existenz des Ortes der Verbundenheit aufmerksam. Mit jedem neuen Plakat wächst das Denkmal. Es entsteht eine greifbare Verbindung zwischen Generationen, Ländern und Familien. Verwandte erkennen Traurigkeit, Liebe und Anteilnahme an den Geschichten der anderen. Das kann Verbindung und Trost bieten.
Teilnehmen an Ort der Verbundenheit
Für Familienmitglieder kann die Teilnahme am Ort der Verbundenheit eine sinnvolle Möglichkeit sein, eines Opfers oder Überlebenden zu gedenken und ihre Geschichte sichtbar zu machen. Sie können ein eigenes Plakat zum Gedenken an einen ehemaligen Häftling, gestorben oder zurückgekehrt, entwerfen.

Wer teilnehmen möchte, sich die Gestaltung des Posters aber nicht zutraut, kann um Unterstützung bitten. In enger Abstimmung mit den Angehörigen kann die Arbeitsgruppe Ort der Verbundenheit einen Entwurf anhand der von der Familie bereitgestellten Fotos, Dokumente und Informationen erstellen.
Der Freundeskreis der KZ-Gedenkstätte übernimmt 2027 wie auch im vorhergehenden Jahr die Produktionskosten für neue Druckplatten. Daher ist aktuell eine Beteiligung am Ort der Verbundenheit für Angehörige ehemaliger Häftlinge vollständig kostenlos.
Plakatentwürfe für Druckplatten, die bis zum 2. Mai 2027 fertiggestellt sein sollen, müssen spätestens am 15. Februar 2027 digital eingereicht werden. Wenn Sie überlegen, sich am Ort der Verbundenheit zu beteiligen, melden Sie sich gern bei uns. Sie erreichen uns über info@ort-der-verbundenheit.org.
Für Plakate in niederländischer Sprache kontaktieren Sie uns bitte über karinvansteeg@vriendenkringneuengamme.nl
Warum persönliche Geschichten wichtig bleiben
Gerade an Orten wie Neuengamme wird klar, wie lange ein Krieg andauert. In den Familien der Opfer wie der Überlebenden bleiben tiefe Spuren. Eine Beschäftigung mit den Lebensumständen, der Familie, Erfahrungen und den Träumen einer verfolgten Person bringen ihre Menschlichkeit zurück. Sie helfen zu verhindern, dass Opfer ausschließlich als Teil einer großen historischen Zahl in Erinnerung bleiben. Jedes Plakat ist daher eine einzigartige Darstellung eines menschlichen Lebens. Die Plakate erinnern uns daran, dass hinter jedem Opfer jemand stand, der vermisst, geliebt und immer noch nicht vergessen wurde. Das Projekt verdeutlicht: Hinter jeder Lagernummer befand sich eine Person mit Namen, Gesicht und Geschichte.
Der Ort der Verbundenheit zeigt, wie persönliche Erinnerung und kollektive Geschichte sich gegenseitig verstärken können. Das macht den Ort zu mehr als nur einem Gedenkprojekt: Es ist ein dauerhafter Aufruf, Freiheit, Frieden und Menschenwürde zu schützen, damit die Gesichter auf den Plakaten nicht nur Erinnerungen, sondern auch Warnungen für die Zukunft bleiben.

