Martine Letterie ist aktuell die Präsidentin der Amicale Internationale KZ Neuengamme. In der AIN haben sich die nationalen Organisationen der Überlebenden des KZ Neuengamme sowie deren Familien und Angehörige der ehemaligen Häftlinge auf internationaler Ebene zusammengeschlossen. Wir haben Martine zu ihrem Engagement befragt:
Wie kamst du zu deinem Engagement bei AIN?
Das hat mit meiner Familiengeschichte zu tun: Mein Großvater war Martinus Letterie, vor dem Krieg war er eine Zeit lang Mitglied eines linkspolitischen Vereins. Ein Jahr nachdem die Niederlanden besetzt wurden, fand der deutsche Überfall auf die Sowjetunion statt. Das war im Juni 1941. Gleichzeitig wurden in den besetzten Ländern Mitglieder linkspolitischer Vereine verhaftet und in Konzentrationslager deportiert. Mein Großvater war einer dieser Häftlinge, obwohl er schon im Jahr 1938 seine Mitgliedschaft beendet hat. Aber sein Name stand noch auf einer Liste des niederländischen Geheimdienstes. Diese Liste wurde an den Sicherheitsdienst übergeben.
Mein Opa kam zuerst in zwei niederländische Lager: Schoorl und Amersfoort. Am 13. Dezember 1941 wurde er nach Neuengamme verschleppt. Dort starb er am 25. Januar 1942, vermutlich an Flecktyphus. Er war 33 Jahre alt und hinterließ eine Frau und drei Kinder. Mein Vater war der Älteste und damals 10 Jahre.
Mit dieser Geschichte bin ich aufgewachsen. Mein Opa war abwesend und ich war mir bewusst, dass sein Leben nach der Verhaftung schrecklich war. Daneben habe ich als Kind und auch später erfahren, wie diese Erfahrung unsere Familie durchdrang. Darum habe ich mich der niederländischen Vriendenkring Neuengamme angeschlossen.
Ich war zehn Jahre Vorsitzende dieser Vriendenkring und war damit Vertreterin der niederländischen Organisation in der AIN. Es ist jetzt 17 Jahre her, dass ich das erste Mal mitkam zum Kongress im November. Damals war der ehemalige Häftling Robert Pinçon noch Präsident der AIN und auch andere ehemalige Häftlinge waren noch aktiv: Janusz Kahl aus Polen und Victor Malbecq aus Belgien. Victor wurde später auch noch Präsident. Diese Männer waren sehr beeindruckend.
Was hat dich motiviert, Präsidentin der AIN zu werden?

Es war und ist wichtig diese Geschichte weiterzugeben. Als Nachkommin, fühle ich das als Verantwortung. Vor allem, weil es immer weniger Überlebende gibt, die selbst ihre Geschichte erzählen können.
Welche Aufgaben hast du als Präsidentin?
Zusammen mit dem Generalsekretär bereite ich den jährlichen Kongress vor und sitze diesem vor. Daneben sitze ich auch dem jährlichen Beirat der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte vor und bin Mitglied des Stiftungsrates sowie der Fachkommission dieser Stiftung. Und ich bin auch Mitglied des Beirats von Bergen-Belsen.
Zusammen mit der Stadt Neustadt in Holstein bereite ich die jährliche Gedenkveranstaltung am 3. Mai in Neustadt in Holstein vor und leite diese auch. Seit einigen Jahren organisieren wir zusammen mit dem Kinder- und Jugendnetzwerk Schleswig-Holstein anschließend einen zweiten Tag auf dem Marktplatz von Neustadt, um die Neustädter mehr bei dem Gedenken einzubeziehen. Das ist immer mehr ein Tag für die Kinder und Jugendlichen von Neustadt geworden. Außerdem bin ich Mitglied des Begleitausschusses des neuen Dokumentationszentrum Cap Arcona, das jetzt vorbereitet wird.
Daneben versuche ich jedes Jahr Gedenkstätten von verschiedenen Außenlagern zu besuchen und auf Einladung rede ich auf verschiedenen Gedenkveranstaltungen.
Wir werden als AIN auch ab und zu eingeladen, um mitzudenken, wenn Denkmale, Ausstellungen oder Gedenkstätten neu errichtet werden. Auch unterstützen wir zum Beispiel Arbeitsgruppen oder andere aktive Gruppen, wenn Gedenkstätten oder wichtige Orte in ihrem Dasein bedroht werden.
Was macht dir besonders viel Spaß in diesem Amt?
Die Zusammenarbeit mit anderen und ein gemeinsames Ziel zu haben. Das gilt für unseren kleinen Vorstand, aber zum Beispiel auch für Neustadt, dort läuft die Zusammenarbeit wirklich wie geschmiert. Wir sind auch echte Freunde geworden.
Welche Herausforderungen siehst du in der Erinnerungsarbeit in der Zukunft?
Es ist nicht einfach, neue Menschen für unsere Arbeit zu interessieren, aber heute genauso wichtig – vielleicht wichtiger als je zuvor. Überall in Europa gibt es politische Parteien, die die Vergangenheit lieber vergessen und die Rechtsstaatlichkeit und Demokratie aushöhlen wollen. Wir müssen uns vereinen, um das Gedenken und damit die Zukunft zu beschützen.

