Auch diesen Mai lud die Arbeitsgruppe „Ort der Verbundenheit“ im Gedenken des 80. Jahrestages der Befreiung der Häftlinge des KZ Neuengamme wieder zu einer bewegenden Gedenkveranstaltung und Druckwerkstatt für Familienangehörige ehemaliger Häftlinge ein.

© SHGL, Georg Wendt
Seit 2020 gibt der „Ort der Verbundenheit“ Angehörigen ehemaliger Häftlinge des KZ Neuengamme die Möglichkeit, individuell gestaltete Plakate in Gedenken an ihre verfolgten Familienmitglieder zu gestalten. Ein besonderes Anliegen ist es dabei, auch die Lebensgeschichten und Namen von jenen Opfern des KZ Neuengamme sichtbar zu machen, deren Schicksal sich nach dem Krieg nicht aufklären ließ, oder jener Personen, welche die Haft überlebten, aber inzwischen verstorben sind. So wird auch jenen Menschen, an die nicht im Haus des Gedenkens namentlich erinnert wird, ein Ort des persönlichen Gedenkens auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers gegeben.
Die liebevoll gestalteten Plakatwände in der Parkanlage der Gedenkstätte Neuengamme sind ein Ort von Angehörigen für Angehörige, so international und vielfältig, wie die Geschichten der Personen, derer hier gedacht wird. In ihrer Eingangsrede zur Plakatpräsentation brachte Uta Kühl, Tochter des ehemaligen Häftlings Hermann Kühl, den Grundgedanken dieses aktiven Gedenkortes auf den Punkt: „Der Ort der Verbundenheit macht es uns möglich, unsere Familienmitglieder aus der riesigen, anonymen Anzahl der ehemaligen Häftlinge heraustreten zu lassen.“

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Dieses Jahr haben 30 Angehörige von ehemaligen Häftlingen des KZ Neuengamme neue Plakate für den Ort der Verbundenheit erstellt. Aus allen neu eingereichten Plakaten werden einmal im Jahr Druckplatten gefertigt, die dauerhaft auf dem Gelände der KZ Gedenkstätte präsentiert werden und die dort an einer Druckerpresse vervielfältigt werden können – im gleichen Druckverfahren, mit denen schon im Widerstand gegen den Nationalsozialismus antifaschistische Flugblätter gedruckt wurden. Zum gemeinsamen Drucken und zur öffentlichen Präsentation der Plakate waren am 4. Mai 2025 wieder viele Angehörige aus aller Welt nach Neuengamme gereist – aus den Niederlanden sogar wieder mit eigenem Reisebus.
Den Auftakt der Veranstaltung bildete die Einladung in die Offene Druckwerkstatt für Angehörige am Vormittag des 4. Mai. Drei Stunden lang nutzten viele Angehörige die Möglichkeit, dort das von ihnen entwickelte Plakat zu drucken. „Der Prozess des Druckens ist nicht nur kreativ, sondern auch zutiefst persönlich. Auf diese Weise können sich die Angehörigen auf die Erinnerung an einen geliebten Menschen konzentrieren und ihre Erinnerungen mit anderen teilen“, formulierte es Janina Martynowa aus der Ukraine. In einer Farbe ihrer Wahl färbten sie mit Sorgfalt und Hingabe die für ihr verfolgtes Familienmitglied entwickelte Druckplatte ein und schoben es mit kraftvollem Kurbeln durch die Druckerpresse. Dann der große Moment, ganz persönlich und doch in Gemeinschaft: Das fertige Plakat wurde von der Druckplatte gelöst. Alle schauen gebannt zu, klatschen, großes Lächeln auf den Gesichtern und Glückwünsche für das tolle Ergebnis. „Was für eine freundliche, zugewandte und solidarische Atmosphäre!“ schrieb eine Teilnehmerin. Alle scheinen sich wohl zu fühlen und es ist tatsächlich eine große Vertrautheit zu spüren, obwohl sich die meisten Angehörigen nicht persönlich kennen und sich viele in der Druckwerkstatt zum ersten Mal begegnen. Viele erzählen von ihrem verfolgten Familienmitglied und berichten, was ihnen der Ort der Verbundenheit bedeutet. „Ein wunderbares Projekt, einmalig und wichtig!“ ist immer wieder zu hören. Lächeln. Umarmungen.

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Um 13 Uhr dann die öffentliche Plakatpräsentation. Uta und ihre Tochter Halina Kühl, wechselten aus ihrer Rolle als Anleiterinnen in der Druckwerkstatt in die Moderation der Veranstaltung im Klinkerwerk. Sichtlich bewegt beschrieb Uta Kühl in der Begrüßung aller Gäste, warum der Ort der Verbundenheit ihr „Herzensprojekt“ ist:
„80 Jahre nach der Befreiung der Konzentrationslager scheint für viele Menschen die NS-Zeit weit weg zu sein. Für uns als Angehörige ist das Geschehene mit all seinen Auswirkungen nicht weit weg. Es ist nah und darf nicht relativiert und vergessen werden. Wir möchten Teil der Erinnerung sein, mitbestimmen und uns einbringen.“
Während der Gedenkveranstaltung wurden im Klinkerwerk des ehemaligen KZ Neuengamme alle 174 bisher fertiggestellten Druckplatten präsentiert. Die Gesangseinlagen des Gospelchor Medical Voices untermalten die Veranstaltung musikalisch mit einer inspirierenden Titelauswahl über Unterdrückung, Hoffnung, die Sehnsucht nach Freiheit und die Bedeutung, sich für diese Freiheit auch einzusetzen,
Eine bewegende Rede im Gedenken an die Gruppe der 42 inhaftierten elsässischen Reserveoffiziere, von denen 22 im KZ Neuengamme starben, hielt Jean Mathia, Großneffe von Emile Matter: „Emile hat kein amtlich bekanntes Grab. Niemand weiß, wo er begraben liegt. Wahrscheinlich ruhen seine sterblichen Überreste in einem Massengrab oder sie sind hier irgendwo Teil der Asche, mit dem seiner Leidensgenossen ruhender Staub.“

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Die Gruppe der elsässischen Reserveoffiziere hatte sich erfolgreich gegen ihre Zwangsrekrutierung in die Waffen-SS gewehrt und wurde dafür in das KZ Neuengamme verschleppt. Dieses Jahr wurde für sie am Ort ihrer Zwangsrekrutierung im elsässischen Cernay eine Gedenkstätte eröffnet. Eine Parkanlage mit 42 Bäumen, eine Schwarzkiefer für jeden verstorbenen Offizier und eine Linde für jeden Überlebenden, die gemeinsam einen „Garten der Erinnerung“ bilden.
Mit einem Plakat im Gedenken an Karla Raveh hat der Ort der Verbundenheit nun auch sein erstes Plakat aus Israel. Als jüdisch verfolgtes Mädchen aus Lemgo wurde Karla Raveh 1942 mit ihrer Familie in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Sie überlebte die Deportation und Selektion in Ausschwitz, kam nach Bergen-Belsen und schließlich in das Außenlager des KZ Neuengamme in Salzwedel, wo sie am 14. April 1945 von den Alliierten befreit wurde. Nachdem sie ihre Erinnerungen an die Verfolgung ihrer Familie aufschrieb, engagierte Karla Raveh sich unermüdlich darum, ihre Familiengeschichte an junge Generationen zu vermitteln.
Ihr Sohn Michael Raveh sprach in seiner Rede: „Es bedeutet mir viel, dass die Erinnerung an meine Mutter nun auch am Ort der Verbundenheit einen festen Platz bekommt. Dies zeigt ihre Verbundenheit mit der KZ Gedenkstätte Neuengamme, meine tiefe Verbundenheit mit ihr und auch meine Verbindung zu anderen Angehörigen der Verfolgten, denen es genauso wie mir eine Herzensangelegenheit ist, die Verfolgungsgeschichten ihrer Familien zu erzählen und vor dem Vergessen zu bewahren.“

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Auch dieses Jahr kamen etwa 300 Angehörige und weitere Gäste zur Gedenkveranstaltung des Ortes der Verbundenheit.
Abschluss und ein Höhepunkt der Plakatpräsentation war die gemeinsame Nennung der Namen. 44 Angehörige ehemaliger Häftlinge des KZ Neuengamme fanden sich dazu auf der Bühne zusammen, in der Händen die Druckplatten der von ihnen gestalteten Plakate. Jede und jeder einzelne nannte den Namen des eigenen verfolgten Familienmitglieds, dem sie mit der Plakatgestaltung ein kleines Denkmal gesetzt haben. „In diesem Moment fühle ich eine besonders starke Verbindung zu meinem Großvater, Nikolai Avdeenko“, berichtete Janina Martynowa. „‘Danke für alles, ich liebe dich‘ – diese Worte klingen in meinem Herzen. Ohne Zweifel ist dies der emotionalste Moment für alle.“
Während die Angehörigen auf der Bühne das Andenken an ihre Lieben in der surrealen Stille des Klinkerwerkes der Gedenkstätte Neuengamme aufleben lassen, erhebt sich das Publikum im stillen Gedenken an die Verfolgten. Anschließend geht es nach draußen zum gemeinsamen Plakatieren an den Plakatwänden vor dem Plattenhaus. Auch dies war für viele Beteiligte ein berührender Moment. Eine Familie aus Frankreich begleitete das Plakatieren mit gemeinsamem Gesang – ein „wahrhaft magischer Augenblick am Ort der Verbundenheit“, so eine Teilnehmerin.
Die Arbeitsgemeinschaft „Ort der Verbundenheit“ dankt allen Angehörigen, Involvierten und Interessierten, die die Veranstaltungen ermöglicht und zu ihrem Erfolg beigetragen haben.
Die Reden der Veranstaltung finden Sie hier.

