Kurz nachdem die Nazis 1933 an die Macht kamen, verlor mein Urgroßvater seine Anstellung wegen seines Engagements in der SPD und dem Reichsbanner. Als seine Urenkelin denke ich 92 Jahre später täglich an ihn, wenn ich die Spatzen in meinem Garten füttere. Warum beides zusammenhängt, und wie die Geschichte meines Urgroßvaters mich zu der Person machte, die ich heute bin, erfährst du in diesem Artikel.
Ein unrühmlicher Anfang

© Franciska Thiele
Im Herbst 2009 begleitet meine Mutter mich in die KZ Gedenkstätte Neuengamme. Ich bin zu dem Zeitpunkt 16 Jahre alt und habe ein Vorstellungsgespräch für ein Schulpraktikum. Nervös sieht meine Mutter zum Wachturm am Eingang hoch. „Dein Uropa war in einem solchen Gefängnis“, sagt sie schließlich. Ich zucke nur mit den Schultern. Das Thema Nationalsozialismus hatten wir noch nicht in der Schule, zumindest nicht so weit, dass ich realisiert hätte, dass sich noch lebende Menschen daran erinnern können. Geschichte fand für mich bis zu diesem Zeitpunkt nur in Fernsehdokumentationen statt.
Geschichte ist spannend, aber weit entfernt. Abgegrenzt von der Realität, in der wir leben. So zumindest sieht es mein beschränkter Teenager-Kopf, der einfach nur in eine Bibliothek oder ein Archiv schnuppern will. – Irgendwo, wo ich wenig mit Menschen und mehr mit Papier Zeit verbringen kann. – Ich hatte nie so weit gedacht, dass ich mal einen Urgroßvater hatte. Er starb vor meiner Geburt, und auch mein Opa, sein Sohn, ist zu dem Zeitpunkt schon tot. Was interessiert es mich, dass er zu Unrecht in einem Gefängnis war? Was hat das alles mit mir zu tun?
Der Anstoß
Ich bin bis heute dankbar, dass Reimer Möller diese unvorbereitete und naive, dumme kleine Schülerin in sein Archiv gelassen hat. Ein dreiwöchiges Praktikum am Ort des ehemaligen KZ Neuengamme, Anfang 2010, war mein erster Kontakt mit der Geschichte der NS-Verfolgung. Ein Vorschlaghammer dessen, wozu Hass und Diktatur führt und für mich eine Kehrtwende in der Vorstellung, was ich von meinem Leben erwarte.
Es ist nicht immer leicht, in die Normalität zurückzukehren, wenn einem erst vor Augen geführt wird, wie viel Dunkelheit in der Welt existiert.
Ich habe ein paar Jahre erfolgreich verdrängt, was meine Mutter mir am Wachturm sagte. Doch verdrängen heißt nicht vergessen. Und so kehrte ich 2015 an die Gedenkstätte zurück – diesmal als Teilnehmerin an einem Jugendprojekt, um mich mit meiner Familiengeschichte auseinanderzusetzen. Dann, Anfang zwanzig, fühlte ich mich endlich bereit und befähigt, Fragen über meine Familie zu stellen. Heute weiß ich: Ich hätte schon viel früher damit beginnen sollen.
Meine Tante lehrte mich schließlich die Geschichte meines Urgroßvaters. Durch sie bekam ich Fotos von ihm, sah die Ähnlichkeit zu meinem Opa und unsere aller Gemeinsamkeit: die Liebe zu Pflanzen und unserem Garten. Und ich erfuhr wie man ihn nannte: Spatz.
Mein Uropa Georg Kieras
Scheinbar war den Nazis nicht klar, dass, wenn sie oppositionelle Menschen aus ihren Jobs entlassen, sich diese Menschen im Widerstand zusammentun. So war auch mein Urgroßvater Teil des Hamburger Widerstands gegen die Nazis und schmuggelte und vertrieb Flugblätter mit Aufrufen, sich gegen den Faschismus von Hitler und seinen Lakaien zu stellen und als Antifaschisten zu vereinen, um die Demokratie zu retten.
All dies unter seinem dem Codenamen „Spatz“.

© Franciska Thiele
Es folgte seine Verhaftung im Mai 1934 und wenig später die Verurteilung wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu vier Jahren Zuchthaus und Ehrverlust. Verbüßt hat er die im Gefängnis Fuhlsbüttel und im Gefangenenlager Aschendorfer Moor. 1938 wurde er nach Verbüßung seiner Strafe entlassen, nur Monate bevor Himmlers Erlass dafür sorgte, dass politische Gefangene nach Absitzen ihrer Strafe in anschließende „Sicherungsverwahrung“ in Konzentrationslager kamen.
Er hatte so viel Glück. Doch die NS-Zeit war noch nicht vorbei und somit auch die Verfolgung nicht.
1944 wurde er trotz Wehrunwürdigkeit in das Bewährungsbataillon 999 eingezogen und vom Hannoverschen Bahnhof aus Hamburg zum Lager am Heuberg gebracht. Als Sanitäter diente er so bis Kriegsende gezwungenermaßen in der Wehrmacht und kehrte als einer der wenigen aus diesem Zwangsbataillon aus ehemaligen Häftlingen nach Hause zurück.
Doch welches Zuhause? Hamburg war zerbombt, seine Ehe unter dem Druck der NS-Zeit geschieden, und in den Verwaltungsbüros der Behörden saßen zumeist dieselben Menschen, die ihn zuvor wegen seinen politischen Meinungen verfolgt hatten.
Er heiratete erneut und begann mit seiner neuen Frau ein Leben am anderen Ende der Welt. Ihre Eltern waren vor der NS-Zeit nach Brasilien ausgewandert, also wanderten Georg und sie nun hinterher. So gelangte mein Urgroßvater nach Rio Grande do Sul. Hier legte der Spatz aus Hamburg seinen Garten an, schuf sich sein eigenes kleines Refugium in seinem Gartenhaus und genoss die Gesellschaft von Kakteen, die ihn fast einen Meter überragten … na ja groß war er halt nicht.
Denn der Name Spatz kam nicht von ungefähr.
Der altbekannte Job
Die Geschichte meines Urgroßvaters zu erfahren, hat mich nicht nur darin bestärkt, dass ich mich weiter mit der Geschichte der NS-Verfolgung auseinandersetzen möchte. Die Teilnahme an dem Jugendprojekt der Gedenkstätte, hat mir außerdem Kontakte und Einblicke in die Arbeit und Geschichten von anderen Angehörigen von NS-Verfolgten verschafft. Mit ihnen in der Gedenkstätte Neuengamme zu diskutieren, sich auszutauschen und ihre Geschichten zu hören, hat mir eine neue Welt und ein Gefühl der Verbundenheit und Zugehörigkeit geschenkt.
Durch mein Schulpraktikum wusste ich: Es gibt noch viel zu tun. Das Archiv der Gedenkstätte Neuengamme bietet viele Antworten auf viele Fragen zur Geschichte und zum Arbeitsalltag der Häftlinge des KZ Neuengamme. Doch bei spezifischen Fragen, zu konkreten Personen, stoßen wir schnell auf Fragezeichen. Doch eben jene Fragen stellen Angehörige. Das fast die komplette Lagerregistratur von den Nazis kurz vor Kriegsende vernichtet wurde, hat ein unwiederbringliches und schmerzhaftes Loch gerissen.

© Franciska Thiele
Auch wenn ich weiß, dass es nicht möglich ist, dieses Loch zu füllen, herrscht in meiner Familienhistorie ein Hang zur Dickköpfigkeit. Der Spatz hat es immerhin vorgemacht. Nur weil etwas nicht möglich ist, heißt es nicht, dass ich es nicht versuchen werde.
2018 suchte das Archiv der Gedenkstätte eine studentische Mitarbeiterin. Und ich habe dort mit Freuden die letzten zwei Jahre meines Studiums verbracht, um Angehörigen bei der Recherche zu helfen.
2021 kehrte ich nach meinem Studienabschluss ins Archiv zurück. Vollzeit. Unbefristet. Mit der Aussicht für viele Jahre – bis ich alt und grau bin – das Archiv der Gedenkstätte Neuengamme wachsen zu lassen und die Recherche-Fragen von Angehörigen aus der ganzen Welt zu beantworten.
Von meinen ersten Gehaltszahlungen legte ich mir etwas zurück, um mir ein paar Träume zu erfüllen und einer dieser Träume war es die Geschichte meines Uropas und meiner eigenen Wertevorstellungen in meiner Haut zu verewigen.
Der Spatz
Seit langer Zeit steht der Spatz in der Tattoo Symbolik von Seefahrern für die Freiheit. Einen passenderen Spitznamen für Widerstand gegen Faschisten kann man sich nicht wünschen. 2023 ließ ich mir einen Spatzen auf meinem linken Arm verewigen, umrankt von widerstandsfähigem Ginko und dem Vergissmeinnicht aus dem Schrebergarten meines Opas. Freiheit, Widerstand und Gedenken vereint in einem Bild, das als ein Teil von mir altern und wachsen wird. Meine Familiengeschichte ist mir buchstäblich unter die Haut gewandert.

Seit einigen Monaten darf ich in meinem eigenen Garten die Blumen pflanzen, die schon meinen Urgroßvater und Opa verbanden. Täglich hänge ich in einem alten, halb verdorrten Kirschbaum bis zu 5 Maisenknödel auf. Es hat keine Woche gedauert, bis eine Familie von Spatzen aus der Umgebung sie entdeckt haben und all ihre Freunde informierten. So begleiten mich täglich bei der Gartenarbeit inzwischen um die 30 Spatzen, die mir die Haare vom Kopf futtern und mich ausschimpfen, wenn ich nicht schnell genug neues Futter nachlege.
Die Spatzen kommen täglich, schauen, was ich in meiner Freizeit Schönes in ihrem Garten treibe. Und wenn wir gemeinsam Zeit zwischen den Pflanzen, den duftenden Blumen, den surrenden Insekten und unserer zwitschernden Spatzen-Familie verbringen, dann ist es wie ein kleiner Gruß aus der Vergangenheit von meinem Urgroßvater Georg Kieras, der Spatz von Hamburg.

