Maria Grazia Gori Casati wuchs auf, ohne ihren Vater Italico kennenzulernen. Er starb im April 1945 in einem Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme. Im Jahr 2017, 73 Jahre später, beschlossen Maria und ihr Ehemann Mauro, nach Deutschland zu reisen – an die Orte, an denen ihr Vater von den Nazis inhaftiert war: Dachau, Neuengamme und Banter Weg IV.
Im Folgenden erzählt Maria die Geschichte ihres Vaters und von der emotionalen Reise, die das Paar auf den Spuren des geliebten Vaters unternahm. Außerdem entschieden Maria und Mauro, ein Erinnerungsplakat für Italico Gori im Ort der Verbundenheit zu gestalten, das auch ein Gedicht von Mauro auf Friulisch und Italienisch enthält – dieses finden Sie am Ende des Artikels.
Ich habe meinen Vater Italo nie gekannt. Als ich im Januar 1945 geboren wurde, war er nicht da. Die Nazis hatten ihn in ein Konzentrationslager nach Deutschland verschleppt. Viele Jahre wusste ich kaum etwas über seinen Tod. Nur das, was meine Mutter mir erzählt hatte, und das, was auf dem Telegramm des Internationalen Roten Kreuzes stand, das acht Monate nach Kriegsende eintraf:
Todesdatum: 1. April 1945, Todesursache: Ruhr
Aber wie kam er, mein Vater, überhaupt nach Deutschland? Wie starb er? Wo wurde er begraben? Beim ANED, dem Nationalverband der italienischen politischen Deportierten, wusste man nichts Genaueres. Im Buch mit den offiziellen Listen der Deportierten stand nur, dass er in einem Konzentrationslager in Norddeutschland gewesen war: Banter Weg IV in Wilhelmshaven, ein Außenlager des Hauptlagers Neuengamme, südöstlich von Hamburg. Was seine Bestattung betraf, hieß es nur: Man solle sich damit abfinden – es gebe ein Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus und sonst nichts. Der Körper meines Vaters war verschwunden – wie der von Tausenden anderer Deportierter.
So war mein Vater Italo für einen großen Teil meines Lebens nur ein Name auf vergilbtem Papier, das verblasste Foto von seiner Hochzeit mit meiner Mutter Anita – und Asche, verstreut auf deutschen Feldern.
Kurz gesagt: eine Abstraktion. In meiner Kindheit erschien er mir wie ein Märchenprinz – al ere tant biel, sagte meine Mutter, er war so schön… Mit den Jahren wurde diese Abstraktion zu einer dumpfen, unbestimmten Leere. Aber ich lebte damit.
Der Anstoß zu einer wichtigen Reise
Bis vor drei Jahren – als mich mein Enkel Jacopo bat, in seine Schule zu kommen, um von seinem Urgroßvater zu erzählen. Es war der Gedenktag, und er hatte erwähnt, dass auch der Vater seiner Großmutter nach Deutschland deportiert worden war – vielleicht könne sie etwas erzählen. Aber wie erklärt man eine Abstraktion?
Ich ging nicht in Jacopos Schule, doch seine Bitte weckte in mir den Wunsch – oder vielleicht besser: die Unruhe – dieser Leere, die mich mein ganzes Leben begleitet hatte, endlich Gestalt zu geben. Von diesem Moment an begann eine Reise, die mich – 73 Jahre später – dazu führen sollte, das Grab meines Vaters in Deutschland zu finden und einige Bruchstücke seiner eigenen Reise zu rekonstruieren:
Die „Reise“, die Italico Gori am 29. September 1944 in Nimis begann, als die Nazis – bevor sie das Dorf niederbrannten, das es gewagt hatte, gegen die Besatzung zu rebellieren und die Freie Zone Ostfriaul zu gründen – ihn seiner Familie, seiner Arbeit, seiner Frau Anita und mir, die ich noch nicht geboren war, entrissen. Sie trieben ihn und fünfzig andere Dorfbewohner mit Gewalt in einen Viehwagen nach Dachau, von dort nach Neuengamme. Eine „Reise“, die am 1. April 1945 in Wilhelmshaven, wenige Tage vor der Ankunft der Alliierten, geendet hätte.
Auf Spurensuche im Internet
Die ersten Nachforschungen machte ich zusammen mit meinem Mann Mauro – im Internet. Auf der Website https://dimenticatidistato.com fanden wir eine Liste von 1.234 Zivilisten, die aus politischen oder rassischen Gründen in verschiedene Konzentrationslager deportiert worden waren, darunter Neuengamme, zu dem auch das Außenlager Banter Weg IV in Wilhelmshaven gehörte. Dort stand auch der Name meines Vaters, seine Häftlingsnummer, Ort und Datum seines Todes. Aber vor allem ein Hinweis:
Begräbnisort: Aldenburg
Begräbnis? Aldenburg? Wo liegt dieses Aldenburg überhaupt?
Eine kurze Suche zeigte: Es handelt sich um einen Friedhof in Wilhelmshaven. Wir klickten auf ein Symbol – und sahen ein Bild: Das Denkmal heißt „Aldenburg Cemetery Memorial“. Auf der Tafel steht: „Den Opfern des Nationalsozialismus“. War das das Denkmal, von dem man mir vor so vielen Jahren erzählt hatte?
Dann suchten wir nach „Alter Banter Weg“. Es ist eine lange, schmale Straße, die zum Kanal im Süden der Stadt führt. An einer Stelle erscheint eine Markierung: „KZ Gedenkstätte Neuengamme“. Ein Zoom zeigt Fundamente – offenbar von zwei Baracken. War das der Ort, an dem mein Vater Italico die letzten Monate seines Lebens verbracht hatte?
Wir fragten im Archiv der Gedenkstätte nach. Ja, hieß es in der Antwort: Italico Gori kam am 22. Oktober 1944 aus Dachau hier an. Von hier wurde er nach Wilhelmshaven, ins Lager Banter Weg IV, überstellt – im Dienst der Kriegsmarine, der deutschen Marine. Er starb dort am 1. April und wurde zwei Tage später auf dem Friedhof Aldenburg beigesetzt. Für genauere Informationen über das Grab solle ich mich direkt an den Friedhof wenden.
Mit klopfendem Herzen schrieb ich: „Ist das Grab von Italico Gori dort?“ Die Antwort kam zwei Stunden später: „Ja, das Grab Ihres Vaters ist hier.“ Beigefügt war ein Foto eines Grabsteins: In der linken Reihe, der neunte Name von oben – Gori Italico. Was für ein Gefühl!
Dieser Grabstein auf dem Friedhof von Aldenburg war das erste greifbare Zeugnis für die Spuren meines Vaters in Deutschland. Das zweite, noch persönlichere, war die Karte aus dem Archiv von Dachau. Der Nachname war korrigiert: Gozi statt Gori. Darauf standen die Ankunftsdaten in Dachau und Neuengamme, der Beruf (Bauer), Geburts- und Wohnort. Die Abkürzung „sch“ neben der Häftlingsnummer stand für „Schutzhäftling“ – Schutzhaft – welch Euphemismus!
In der später in Neuengamme erstellten Karte, wohin er mit den meisten Deportierten aus Nimis gebracht wurde, war er nur noch eine Nummer: 62654. In Neuengamme wurde die Nimis-Gruppe aufgelöst. Als er in Wilhelmshaven im Lager Banter Weg IV ankam, wo der eisige Wind der Nordsee wehte, war mein Vater endgültig allein.
Den Boden betreten, den er einst betreten hatte
Der Nebel begann sich zu lichten – aber so viele Fragen blieben offen! Wann und warum war mein Vater nach Banter Weg IV verlegt worden, als einziger unter seinen Landsleuten? War er wirklich an Entkräftung und Ruhr gestorben, wie die offiziellen Berichte sagen? Wurde er tatsächlich zwei Tage später in Aldenburg begraben? Wer hatte seine Gebeine – und die von 33 anderen – unter den großen Stein gelegt, und wann?
Beim Lesen von Valeria Morellis Buch „Italiener, die in Vernichtungslager deportiert wurden“ stießen wir auf eine erschütternde Realität: Massengräber, die gegen Kriegsende in der Nähe der Lager ausgehoben wurden – für die Deportierten, die während der Märsche oder durch Bombardierungen starben. In einer dieser Gruben, die wenige Jahre nach Kriegsende von einer französischen Mission geöffnet wurde, fand man neben den Leichen vieler französischer Deportierter auch die von 14 Italienern. Der letzte Name auf der Liste war der meines Vaters.
Je mehr ich wusste, desto größer wurde das Bedürfnis, den Bildern auf dem Computerbildschirm und den nur mit der Fantasie rekonstruierten Geschichten Gestalt zu geben. Ich verspürte das Bedürfnis, die Spuren der Reise meines Vaters vor 73 Jahren zurückzuverfolgen, denselben Boden zu betreten, den er betreten hatte.
Im Juni 2017 machte ich mich zusammen mit meinem Mann auf den Weg nach Deutschland. Wir gingen durch das Tor des KZ Dachau, sahen die Stelle, an der man ihn registriert hatte, die „Friseure“, die Duschen, den Betonboden, die Rinnen, die gestreifte Uniform – ein Stoffstreifen mit seiner Nummer und einem roten Dreieck mit einem weißen „I“, das er auf die Jacke nähen musste – wer weiß, wie er sich dabei fühlte.
Der nächste Halt wäre Neuengamme gewesen. Doch wir fuhren direkt weiter zur Nordsee, an das Ende seiner „Reise“ – zu dem, was vom Lager Banter Weg IV übriggeblieben war, wo er starb. Ein Ort, halb versteckt zwischen Schilf, der uns sofort zu klein erschien: Wo sollten hier vier lange Baracken, ein Appellplatz und die Wachposten Platz finden? Hartnäckig suchte ich nach der Krankenstation, in der er seine letzten Stunden verbracht haben könnte, und stellte mir für einen Moment vor, dass er an mich gedacht hatte. Ich nahm eine Handvoll Erde, um sie mit nach Hause zu nehmen und neben seinem Grabstein in Nimis zu verstreuen.
Am 22. Juni, zwei Tage vor dem, was sein 93. Geburtstag hätte sein können, berührte ich endlich sein Grab auf dem Friedhof Aldenburg. Und ich hatte das Gefühl, dass sich der Kreis geschlossen hatte. In diesem Moment war es mir gleichgültig, ob mein Vater kurz nach seinem Tod oder erst Jahre später hierhergebracht wurde – mein Vater war da, unter diesem Stein. Und dort, mit ihm, blieb ein Stück von mir.
Als wir schließlich in Neuengamme ankamen, löste sich die emotionale Spannung, die uns bis dahin begleitet hatte, in ein friedlicheres Gefühl auf. Wir hatten das Gefühl, dass das Land, das Schauplatz der letzten Monate im Leben meines Vaters gewesen war, nun auch ein bisschen zu unserem geworden war. Das Mitgefühl, das uns überall begegnete – zuerst auf unserer virtuellen, dann auf unserer realen Reise durch Deutschland, besonders durch die jungen Frauen, die in Neuengamme das Andenken an die Deportierten bewahren – hat einen Bruch geschlagen in unser einst so starres Bild von den Deutschen. Heute fühlen wir uns ihnen näher, als wir je gedacht hätten.
Gedicht für Italico Gori
Du hast auf mich gewartet als sie dich fortbrachten und du wusstest nicht einmal ob ich ein Junge oder ein Mädchen war
Sie raubten dir das Recht mein Schlafgeflüster zu hören meine Tränen und mein Lächeln wenn du mich auf den Knien wiegtest
Sie raubten mir das Recht zu wissen wie deine Stimme klang wenn du meinen Namen sagtest und zu spüren wie warm deine Arme waren wenn du mich hieltest.
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