Das folgende Interview zwischen Franciska Thiele für den Reflections Blog und einer Angehörigen von Hans Kirsten wurde am 02. Mai 2026 live vor Publikum bei der Veranstaltung „Memory Matters“ in der KZ Gedenkstätte Neuengamme geführt. Dabei geht es um den wegen Homosexualität verfolgten Hans Kirsten, wie seine Urgroßnichte über ihn recherchiert und seine Geschichte im Zuge des Projektes „Welche Stimme haben wir?“ an der Gedenkstätte Neuengamme aufgearbeitet hat.
Ich bin hier für die Geschichte von Hans Kirsten, dem Bruder meines Urgroßvaters

Franciska Thiele (FT): Vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, hier heute vor Publikum ein Interview mit mir zu führen. Würdest du dich beziehungsweise deine Familiengeschichte dafür gerne kurz einmal selbst vorstellen?
Angehörige (J.K.): Danke für die Einladung. Ich bin hier für die Geschichte von Hans Kirsten, dem Bruder meines Urgroßvaters. Er wurde nach Paragraph 175 von den Nazis verfolgt. Schon 1927 wurde er erpresst, hat glaube ich auch Geld gezahlt, und es wurde 1930 schon einmal gegen ihn wegen homosexuellen Handlungen ermittelt. 1935 wurde er dann denunziert und in Fuhlsbüttel inhaftiert. Er war eine Zeitlang in Freiheit, wurde wieder verhaftet und ist 1943 in der sogenannten Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn ums Leben gekommen. Seine Familie, seine 6 Töchter und deren Familien, seine Geschwister, haben all dies totgeschwiegen.
Zu dem Zeitpunkt, als das Projekt „Welche Stimme haben wir?“, der Workshop hier in der Gedenkstätte, anfing, wusste ich seit ca. 5 Jahren von Hans Ermordung, seinem Stolperstein und, dass im Gedenkort an der Stadthausbrücke seine Leidensgeschichte als eine von vielen seiner „Gruppe“, der wegen Homosexuallität Verfolgten, dargestellt wird.
Über meinen bestehenden Kontakt dorthin bin ich dann vorgeschlagen worden für den Workshop, den wir 2024-2025 zu zehnt unter Leitung von Mitarbeitenden der Gedenkstätte hier hatten.
Erstaunlich war die Unkenntnis für mich
FT: Da du ja schon einige Jahre vor dem Projekt „Welche Stimme haben wir?“ die Geschichte von Hans kanntest und recherchiert hast, was war damals der Auslöser, weshalb du zu deinem Verwandten Recherchen angestellt hast? Wie ging das los?
JK: Ja, das war erst einmal ein Schock. Im Jahr 2018 hatte ich zum Thema bestimmter Stolpersteine von Nichtverwandten etwas in die Facebook Familiengruppe gepostet. Daraufhin kam ein Kommentar von einem Cousin aus England: der Link zur sehr umfangreichen Stolperstein-Biografie von Hans Ferdinand Kirsten.
Fakt war, niemand aus der wirklich sehr großen und gut vernetzten Familie kannte diese Geschichte, zumindest kein lebender, direkter alter Nachfahr, den ich erreichen konnte. Erstaunlich war die Unkenntnis für mich auch, weil der Grabstein von Hans auf unserem direkten Familiengrab liegt und weil mein Vater jahrzehntelang der Familien-Archivar war. Mein Vater hat zu unserer Familie eigentlich sehr viel herausgefunden und eine Art Hamburgensie als Zeitschrift einmal im Jahr herausgegeben. Er hatte auch ein offizielles Archiv gegründet. Mein Vater war zum Todeszeitpunkt von Hans 18 Jahre alt und dieser war der Bruder seines Großvaters. Das ist nicht unbedingt jemand, zu dem man engen Kontakt hatte, auch wenn die Familie durch eine Firma recht eng miteinander verbunden war. Aber, dass man dennoch nichts gewusst hatte, hat mich verwundert.
Danach habe ich gut ein ganzes Jahr gebraucht, um herauszufinden, wer der Autor der Stolpersteinbiografie, Ulf Bollmann, ist, und, dass er direkt im Staatsarchiv sitzt. Anfang 2020 habe ich dort die Aktenberge, etwa 700 Blatt, zu Hans eingesehen, durchgelesen und abfotografiert, um weiter damit für mich arbeiten zu können.
Ich glaube, er war ein sehr interessanter Mensch
FT: Dabei hast du bestimmt eine umfangreiche Geschichte erfahren, die du zu Hans berichten könntest.
JK: Hans wuchs als Sohn eines damals bekannten Hamburger Reeders auf und arbeitete aktiv mit in der Reederei – er war Partner und Reeder. Zuvor reiste er einige Jahre durch die Weltgeschichte und arbeitete in verschiedenen Orten im Ausland. Er war begeistert in Nordamerika, Südamerika, Frankreich und wäre gerne noch weiter unterwegs gewesen. Aber die Pflicht und die Familienfirma rief in Hamburg.
Von seinem Leben ist mir weiter nichts bekannt, da es keine Überlieferungen gibt. Er wurde, wie gesagt, totgeschwiegen von seinen Kindern und in den Familien. Über Hans sprach man nicht. Ein paar Briefe von ihm, die mein Vater vor langer Zeit zugesendet bekommen hatte, sind das einzige und in Freiheit geschriebene, persönliche Erbe. Sie sind noch demnächst zu transkribieren, da ich selbst die altdeutsche Schrift nicht lesen kann, wird das aber etwas dauern. Die Briefe stammen wohl alle aus den Reisejahren. Ich bin gespannt.
Aber wie Hans aufgewachsen ist, als Junge, als Teenager, was seine Hobbies waren, das weiß ich nicht. Es interessiert mich jedoch brennend. Was hat er mit seiner Familie unternommen in der Freizeit, an Wochenenden und in den Ferien? Was genau waren seine Aufgabe in der Reederei? Welche Freunde hatte Hans und was bereitete ihm Freude? Womit beschäftigte er sich in der Freizeit gerne? Ich glaube, er war ein sehr interessanter Mensch.
Vor wenigen Wochen hat mir eine Enkeltochter seinen langen handgeschriebenen Lebenslauf transkribiert, den er als Gefangener 1936 schreiben musste. Darin ging es hauptsächlich um seine jungen Jahre und die interessanten Reiserlebnisse, die wir nun immerhin schon kennen.
Was ich überhaupt nicht will, ist Lob für meine Arbeit – ich will: Interesse für und an Hans!
FT: Ich finde es toll, wie viel Material bei dir schon in die Recherche reingeflossen ist und noch weiter zu erschließen wäre. In unserem Vorgespräch hast du einmal gesagt, dass du es schade findest, dass vom Rest deiner Familie im Moment nur wenig Interesse oder Rückmeldung an deinen Recherchen und deinem Engagement zu Hans kommt. Und ich glaube, aus der Erfahrung in meiner täglichen Arbeit, dass es tatsächlich viele Familien gibt, in denen das ähnlich ist, dass es quasi einen Hauptverantwortlichen für die Familienrecherche gibt und der Rest bloß schweigt. Daher würde ich dem gerne ein wenig Raum geben, wenn du davon erzählen magst.
JK: Derjenige aus England, der die Leidensgeschichte von Hans aus der Versenkung ans Tageslicht der Familie gebracht hat, war nicht so sensibel zum Thema Nazigeschichte, wie wir es sind. Und ich hatte seine Kommentare erst einmal ganz gelöscht und die ganze Story aus dem Familienpost auf Facebook.
Nachdem ich dann aber meinen ersten Schreck überwunden hatte und nachdem auch die eng in die Familienstiftung Eingebundenen nichts von Hans Stolperstein-Geschichte kannten, habe ich ca. 5-6 mir gut bekannte, direkte Nachfahren aus meiner Generation von Hans informiert, mit dem Link zur sehr ausführlichen Stolperstein-Biografie.
Diese Biografie war relativ lange Zeit danach, bis zu meinem Gang ins Staatsarchiv das Einzige, was uns bekannt war. War auch schrecklich genug. Zwei Seiten Zusammenfassung von später Hunderten von Aktenseiten. Der Autor saß halt an der Quelle.
Die Resonanz der Urenkel war durchweg mau und entsprach in keiner Weise meinem eigenen aufgekommenem Interesse. Sie reagierten von gar nicht bis vollkommen unaufgeregt und es fand keine weitere Konversation statt. Eine Familie war interessiert und ist es bis heute, wenn auch nicht annähernd in der von mir erhofften Intensität. Am aktivsten ist in der Familie die 87-jährige Enkeltochter von Hans, die es aber ihren drei Kindern und den erwachsenen Enkeln offenbar nicht im selben Maße vermitteln kann.
Einige wenige weitere Enkel von Hans leben noch, Ururenkel hat Hans in zweistelliger Zahl. Zu keinem von ihnen suche ich inzwischen noch Kontakt. Zu aufwendig für mich, ich verspreche mir nichts davon, da ich in den letzten Jahren schon so viel getan hatte ohne Rückmeldungen. Von mir ausgehändigtes oder zugesendetes aufbereitetes Material an mehrere Zweige wird nicht neugierig gelesen oder interessiert kommentiert. Multiplikatoren meiner Informationen, die um Hans Verfolgung und Tötungsgeschichte wissen, gibt es keine.
Was ich überhaupt nicht will, ist Lob für meine Arbeit – ich will: Interesse für und an Hans!
An sich wünsche ich mir aber nicht nur Interesse, sondern eigenes Einbringen. Ich würde das so gern einmal übergeben an einen der direkteren Nachkommen. Meine Gefühle dazu bewegen sich zwischen Wut und Verständnislosigkeit, warum man das Thema nicht annimmt. Enttäuscht bin ich aber eigentlich nicht.
Wir haben uns alle gegenseitig unterstützt und waren neugierig
FT: Um nun den Bogen zum Thema Austausch mit anderen Angehörigen zu spannen und wieder über Positives zu sprechen: Wie war es für dich bei dem Projekt „Welche Stimme haben wir?“ andere Angehörige zu treffen und was habt ihr in dem Projekt gemacht?
JK: Grundsätzlich bin ich immer wahnsinnig interessiert an Lebensgeschichten. Und dabei nicht so sehr an Erfolgsgeschichten, sondern als neurodivergenter Mensch viel mehr an denen, die das Gegenteil sind. Auf beruflicher Ebene, in Familienbeziehung und in Bezug auf Persönlichkeiten der Menschen.
Damit war natürlich schon der Einstieg in unser Projekt wahnsinnig interessant und spannend für mich, als jeder von uns seine und die Geschichte seines Vorfahren erzählte.
Und die Geschichte seiner Recherchen, was die Erfolge, was die Schwierigkeiten dabei sind. Dabei lernte ich auch viel von der Art und Weise, wie die anderen ihre Informationen erhalten hatten, wie sie sie aufgearbeitet hatten. Einige waren seit Jahrzehnten schon dabei und gehen als Gäste in Schulen, um von ihrer Familiengeschichte zu erzählen. Ich hätte auch damals zum Beispiel nie gedacht, dass ich nun einmal hier sitze und ebenfalls vor Publikum die Geschichte meiner Recherche und Familie erzähle.
Zu erfahren, dass die anderen in unserer Gruppe auch eher der Einzelkämpfer in der Familie sind, war interessant und auch irgendwie beruhigend für mich. Mein Vater wäre dabei bestimmt mein begeisterter Teampartner gewesen, aber er war zu dem Zeitpunkt des Projekts schon 95 und ist dann ein Jahr später auch verstorben.
Besonders schön war es natürlich, dass erstmals jemand, und dann noch eine ganze Gruppe gleich, zu Hans Geschichte zuhörte. Erstmals überhaupt gab es Empathie für Hans und Zuspruch für mich in meinem Tun. Und das Ganze natürlich auch in umgekehrter Form. Wir haben uns alle gegenseitig unterstützt und waren neugierig. Das bestärkt einen dann natürlich bei seinen eigenen Recherchen, während man vorher nur gegen die Wand geredet und für sich allein gepütschert hat.
Ich fühle mich „meinem“ Hans nicht so nahe, wie andere aus unserer Gruppe ihren Eltern oder Großeltern. Das muss noch ein ganz anderes Empfinden sein, ein Schmerz, den man mit seinem Projekt trägt und erträgt. Es war ein ganz großer Wunsch von mir, dass ein direkter Nachfahr von Hans meine Arbeit übernimmt und weitermacht. Aber ich glaube da inzwischen nicht mehr dran. Umso schöner und auch mental besser, das zu teilen und begleitet zu sein, statt, dass jeder für sich allein forscht. Neue Ergebnisse zu teilen, zu merken, dass jemand interessiert zuhört, auch ohne verwandt zu sein. Und das kann man eben in solchen Gruppen, wie dem Projekt „Welche Stimme haben wir?“ oder dem Reflections Blog.
Ein besonders schöner Moment war für uns alle in der Gruppe ein Treffen mit Studierenden an einem der Workshop Wochenenden hier in Neuengamme. Zum einen eine jüngere Generation, zum anderen Menschen, die mit unseren zehn Geschichten gar keine Verbindung hätten zeigen müssen. Aber es war ihr frei gewähltes Fach, ihre Arbeit, sich mit unseren Geschichten bzw. denen unserer 10 Verwandten zu beschäftigen.
Dazu gehörte es in ihrem Kurs auch, die Geschichten ihrer eigenen Familien zu hinterfragen und es kamen auch ein paar erstaunliche Ergebnisse dabei raus. Jeder von ihnen präsentierte uns auch eine gesprochene Geschichte, mit Bildern, in einer Art Galerie.
Dazu gab es viele Gespräche und wir arbeiteten gemeinsam. Es war eine ganz besondere Stimmung in dieser gemeinsamen Zeit. Wir alle fühlten die Wertschätzung und großen Respekt füreinander. Am Ende des Tages waren wir auf beiden Seiten sehr berührt von dieser Zeit zusammen. Und es wurde auch sehr zum Ausdruck gebracht, dass sie an sich viel zu kurz war.
Für mich war das ein lebendiges Beispiel dessen, was unsere Arbeit, unser Workshop „Welche Stimme haben wir?“ auslösen kann und ja auch soll. Es gibt ein Ergebnis, unser Projekt, eine Online Ausstellung. Aber sie regt auch zum Nachdenken an und man entwickelt Fragen an die eigene Familiengeschichte.
Es gibt Bildungsmaterial, anhand dieses Workshops erarbeitet und online gestellt, für jeden zugänglich. Da hoffe ich, dass sich irgendwie mal herausfinden lässt, wie weit unsere Arbeit gewirkt hat, in Bezug auf die Nutzer. Oder die vielleicht daraus eigene Arbeiten herstellen.
FT: Das hoffe ich natürlich auch. Ein schöner Gedanke. Dieser Austausch zwischen den verschiedenen Gruppen klingt sehr schön und heilsam. Ich danke dir sehr, dass du all das heute mit uns geteilt hast. Natürlich gibt es noch so viel mehr, worüber wir hier reden könnten, der Austausch über Familiengeschichten ist ja glücklicherweise nie abgeschlossen. Ich danke dir sehr für deine Zeit.
